Predigt: "Heute ist deinem Haus Heil widerfahren"
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Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 6.9.26, beim Brunchtime-Gottesdienst in der Auferstehungskirche Schweinfurt
Ich weiß, beim Brunchtime-Gottesdienst gibt’s in der Regel eine Themenpredigt. Und ich hatte auch schon ein paar Themen-Ideen. Und dann hab ich den Fehler gemacht und nachgeschaut, was heute für ein Predigttext dran ist: Die Geschichte vom Zöllner Zachäus. Davon bin ich irgendwie nicht mehr losgekommen, denn da steckt so viel „Thema“ drin. Aber was genau, das erzähle ich gleich. Erst mal möchte ich diese schöne Geschichte aus Lukas 19 vorlesen.
1 Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.
6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
8 Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
„Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, sagt Jesus.
„Heute“ – allein schon dieses Wort steht bei Lukas an ganz zentralen Stellen.
- Lk 2,11: „Heute ist euch der Retter geboren.“
- Lk 4,21: „Heute ist dieses Schriftwort erfüllt.“
- Lk 23,43: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Und in diesem kleinen Text kommt es gleich zweimal vor. Denn hier, in diesen paar Sätzen, geht es wirklich um alles:
„Heute ist diesem Haus Heil widerfahren“, sagt Jesus.
Was für ein Wort! Dir und deinem Haus ist Heil widerfahren. Normalerweise nehme ich ja gerne die weniger altertümliche BasisBibel-Übersetzung. Da heißt es: „Heute bist du gerettet worden – zusammen mit allen, die in deinem Haus leben.“ Das finde ich auf der einen Seite klarer, aber in diesem „dir ist Heil widerfahren“ steckt so viel mehr!
Aber lasst uns von vorne anfangen. Oder sagen wir: Da, wo sich Jesus und Zachäus begegnen. Zachäus, klein, Zöllner, unbeliebt, stinkreich – all das wissen wir aus diversen Kinder- und Familiengottesdiensten und früheren Predigten zur Genüge. Und jetzt hängt der reiche Zöllner da im Baum, sieht ehrlich gesagt ein bisschen lächerlich aus und will eigentlich nur einen einzigen Blick auf Jesus erhaschen.
Und Jesus?
Jesus sieht ihn.
Jesus spricht ihn an.
Jesus will bei ihm einkehren.
Nicht nur: „Ich will“. Sondern: „Ich muss“. Heute.
„Denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“
Kein unverbindliches „Ich würde gern mal bei dir vorbeischauen“.
Es muss sein. So beschreibt Lukas den Weg Jesu: Es musste alles so sein, wie es geschehen ist. Jesus muss seinen Weg gehen; er muss nach Jerusalem; und er muss jetzt gerade, heute, in dieses Haus.
Am Anfang dieser Geschichte steht nichts, was Zachäus schon Gutes getan hätte. Ja, Zachäus will Jesus sehen, er öffnet sich, er ist auf der Suche, aber er erwartet nicht viel.
Am Anfang steht der Zuspruch Jesu. Jesus will etwas für Zachäus tun! Er muss es sogar tun. Ganz ohne eine Vorbedingung. Heute.
Mein alter Theologieprofessor Hermann Dembowski hat vier Worte gefunden, die wirklich gut zu dieser Geschichte passen: Zuspruch, Widerspruch, Anspruch, Verheißung.
Zuspruch, Widerspruch, Anspruch, Verheißung.
Am Anfang steht der Zuspruch des Evangeliums: Jesus kommt zu dir. So, wie du bist. Mit all deinen Fehlern. Auch, wenn du unbeliebt bist. Auch, wenn du Menschen betrogen hast. Auch, wenn du mit den verhassten Römern zusammenarbeitest: Jesus kommt zu dir.
Das finde ich einen ganz ganz starken Satz. Denn der gilt natürlich nicht nur für Zachäus. Sondern auch für mich. Auch für dich.
Mag sein, dass Zachäus eine richtig schöne Schablone ist für einen unbeliebten, selbstsüchtigen Menschen, der sich auf Kosten anderer bereichert. Aber – ist das bei uns denn viel anders? Sind wir wirklich immer gut, freundlich, zuvorkommend? Lieben wir unsere Nächsten wie uns selbst? Leben wir so, wie es Jesus uns vorgelebt hat, wirklich immer?
Es ist leicht, sich über Zachäus zu erheben und zu denken „so bin ich nicht“. Doch, bist du. Bin ich. Wir sind nicht besser als dieser Zachäus. Gottes Gnade ist nichts, was wir uns verdienen können.
Und gerade deshalb ist es gut, dass am Anfang dieser Zuspruch Jesu steht: Ich muss heute bei dir einkehren.
Das Blöde daran: Dieser Zuspruch gilt auch allen, die wir doof finden. Jesus kommt nicht nur zu denen, die einen guten Lebenswandel vorzuweisen haben. Er kommt zu allen.
Das hat den Menschen damals schon nicht gepasst. Es hat sie zum Widerspruch gereizt: „Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ Warum geht Jesus zu diesen Leuten? Muss das sein?
Immer wieder hat Jesus die Menschen provoziert und zum Widerspruch herausgefordert, einfach, weil er sich denen zugewendet hat, die es in den Augen der Menschen nicht verdient hatten.
Wahrscheinlich wäre es den Leuten lieber gewesen, wenn Jesus gesagt hätte: „So, du machst jetzt erst mal reinen Tisch, bringst deine Sachen in Ordnung, und dann komme ich zu dir und schau mal, ob das reicht.“ Aber nein, nichts dergleichen: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“
Aber genau das ist es, was in dem Sünder Zachäus etwas auslöst. Jesus kommt zu ihm, nimmt ihn an – und das bringt bei Zachäus etwas in Bewegung.
Da sind wir jetzt an einem wirklich schwierigen theologischen Knackpunkt, an dem schon Luther und die katholische Kirche sich in die Haare gekriegt haben: Braucht es gute Werke, um Gottes Gnade verdienen? Bei Zachäus – und auch bei Luther – ist es anders. Am Anfang steht der Zuspruch der Gnade. Und daran erkennt dann auch Zachäus den Widerspruch, in dem er lebt. Er selbst fällt das Urteil über sein bisheriges Leben. Er selbst erkennt: Ich lebe im Widerspruch zu Gottes Willen. Ich muss etwas ändern in meinem Leben. Und ich will auch etwas ändern. Heute.
Zachäus weiß jetzt, was er tun will. Er formuliert selbst den Anspruch an sein zukünftiges Leben. „Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“
Man kann die Geschichte so lesen: Jesus kommt zu Zachäus, Zachäus ändert sein Leben, und deshalb ist er gerettet. Aber Lukas erzählt die Geschichte anders:
Erst nimmt Jesus Zachäus an. Zachäus muss sich das Heil nicht verdienen. Aber diese Rettung, die bleibt eben nicht folgenlos. Sie verändert sein Leben. Und wie!
Und jetzt, am Ende der Geschichte, steht die Verheißung Jesu:
Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
Nicht: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, weil du die Hälfte deine Besitzes weggegeben hast.
Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
Punkt.
Zachäus verändert sein Leben nicht, damit Heil geschieht. Sein Leben verändert sich, weil Heil geschehen ist.
Und dann noch: „Denn auch er ist ein Sohn Abrahams“. Also: Er gehört dazu. Egal, wie mies er sich verhalten haben mag: Er gehört dazu. Sein Verhalten entscheidet nicht darüber, ob er dazugehört. Aber sein Verhalten muss sich verändern, eben weil er dazugehört.
Gnade bedeutet nicht: Alles ist egal. Gnade bedeutet: Du musst nicht erst alles in Ordnung bringen, damit du angenommen wirst.
Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
Nicht, weil Zachäus etwas getan hätte. Sondern weil es sein musste. Weil Gott es wollte.
Das Heil Gottes – es geschieht heute. Auch heute bei uns, hier, in diesem Gottesdienst. „Jetzt geschieht es!“. Nicht: Zachäus hat irgendwann einmal eine religiöse Entwicklung begonnen und wird irgendwann gerettet werden. Sondern: Dieser Tag, diese Begegnung, dieses Geschehen ist der Tag des Heils. Nicht nur für Zachäus. Heute, hier, in diesem Gottesdienst, geschieht es. Denn diese Verheißung Jesu, sie gilt auch für dich:
Heute ist deinem Haus, heute ist dir Heil widerfahren.
Und dann dieses Wort „Heil“. Im Griechischen σωτηρία (soteria). Jesus ist der Σωτήρ (soter). Der Retter, Heiland, der Messias. Er bringt Heil. Und das ist ein sehr umfassendes Wort.
Am Tag, an dem in einem deutschen Bundesland eine Partei zur Wahl steht, deren Anhänger gelegentlich wieder „Heil!“ schreien, lohnt es sich, darauf zu schauen, was das Wort hier bedeutet.
Σωτηρία, Heil, das bedeutet bei Jesus nicht Herrschaft über andere. Es bedeutet nicht Ausgrenzung. Es bedeutet nicht: Die einen gehören dazu, die anderen nicht. Im Gegenteil: Der Ausgeschlossene, Zachäus, wird wieder hineingeholt in die Gemeinschaft.
Jesus, der σωτήρ, der Retter, der Heiland, bringt σωτηρία, das Heil. Er bringt es dem Zachäus – aber auch der Gesellschaft, die ohne Zachäus nicht vollständig wäre.
Jesus bringt Gottes Heil, das einen Menschen wieder ganz werden lässt und ihn in eine heile Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich selbst bringt.
Und bei Zachäus wird dieses Heil sichtbar:
Der Ausgeschlossene gehört wieder dazu.
Der, der andere ausgebeutet hat, gibt es vielfach zurück.
Der vom Geld bestimmte Mensch kann sich vom Geld lösen.
Die Gemeinschaft heilt, denn niemand ist mehr ausgeschlossen. Die Menschen leben versöhnt miteinander. Gier, Selbstsucht, Hass, Ausgrenzung – alles das hat hier keinen Platz.
Und das Entscheidende: Jesus erklärt nicht: „Jetzt hast du dir dein Heil verdient.“ Er erklärt: „Heute ist Heil geschehen.“
Heute ist deinem Haus Heil widerfahren.
Heil ist bei Jesus eben nicht zuerst das, was ein Mensch aus seinem Leben macht. Heil ist das, was Jesus heute in einem Menschenleben geschehen lässt.
Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
In Zachäus ist etwas heil geworden. Er ist ein anderer Mensch. Weil Jesus ihn angesehen hat.
Und du?
Was ist mit dir?
Jesus schaut dich an, wie du da in deinem Baum hängst. Sieht ehrlich gesagt ein bisschen lächerlich aus.
Und Jesus lächelt dich an und sagt: Heute muss ich bei dir einkehren.
Er fragt nicht, ob du Platz für ihn hast. Du musst nicht erst Platz für ihn schaffen. Jesus kommt zu dir. Heute. Heute ist deinem Haus, heute ist dir Heil widerfahren. Wenn das wirklich stimmt – was könnte sich dann in deinem Leben verändern?
Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Amen.
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